Mehr denn je

Mehr denn je denke ich über diesen Text von  Erika Pluhar, einer meiner Lieblingskünstlerinnen nach. 

Vielleicht liegt es daran, das ich in drei Jahren die 6 vor den weiteren Lebensziffern stehen habe, oder aber an der Tatsache, daß ich nie mein Gefühl, die Lust am Leben und Lieben und mich verlieren werde. Werde, weil ich bin wie ich bin.

Was heißt das nur, ich werde alt?

Was heißt das nur, wie soll ich es empfinden?

Ich kann den Morgenhimmel in mir finden

Und Frühlingsstürme – mehr denn je.

Was heißt das nur, ich werde alt?

Was heißt das nur, wie soll man es verstehen?

Ich kann wohl meine Hände altern sehen,

Doch schön ist das Berühren – mehr denn je

Mein Körper ist mir Freund,

Und meine Haut genießt den Wind wie eh und je.

Und all das, was ein reifer Mensch nicht mehr zu fühlen hat,

Das fühl ich mehr denn je.

Was heißt das nur, ich werde alt?

Was heißt das nur, wie soll ich es empfinden?

Ich kann so viel Verwirrung in mir finden

Und ungeduldig bin ich – mehr denn je.

Was heißt das nur, ich werde alt?

Was heißt das nur, wie soll man es verstehen?

Des Lebens Spuren kann ich auf mir sehen,

Doch geh ich neue Wege – mehr denn je.

Was heißt das nur, ich werde alt?

Was heißt das nur, wie soll ich das empfinden?

Ich kann den Morgenhimmel in mir finden

Und Frühlingsstürme – mehr denn je.

Erika Pluhar 

Haarige Liebesbeziehung

Boah…bin ich grau geworden

sagte ich dem Spiegel und mir.

wir mußten diese Farbe wählen

antworteten mir die Haare im Chor.

wieso denn gerade grau? 

ich darauf etwas vorwurfsvoll.

du weigerst Dich ja richtig erwachsen zu sein,

wir wahren zumindest die äußere Fassade.

wie meint ihr das?

ich in meiner kindlichen Neugier.

du bist unbedarft und leichtsinnig

statt genormt und ernst.

du glaubst der Sommer hat kein Ende

statt alles winterfest zu machen.

du läßt Gefühle fühlen

statt Gedanken denken

du hast viele Farben in Dir

statt seriös einfarbig zu sein.

Wir mußten grau werden

damit du weiter bunt sein kannst.

Warum seid ihr dann noch alle bei mir?

ausfallen wäre doch ein leichtes.

Du hast uns immer uns sein lassen,

ob schwarz, grau, kurz oder lang.

Ja natürlich, ich liebe euch genau wie ihr seid,

und was man liebt läßt man sich selbst sein.

Siehst du,

frag nie mehr warum wir bleiben.

©wortgefuehle

Lebensbegegnung 

Es gibt in meinem Alltag ab und zu diese Momente in denen Kleinigkeiten eine Erinnerung auslösen, Erinnerungen an manche Menschen die nur Begegnungen waren und nie zu meinem Leben gehörten. Menschen die aber dennoch etwas hinterlassen haben, bei und in mir.Einer dieser besonderen Begegnungen war Karl-Heinz. Als ich meine Ausbildung begann, gab es noch ein Land das Persien hieß und vom Schah regiert wurde. Ich erzähle das um Euch zu zeigen von welch konservativer, stocksteifer und prinzipieller Zeit ich rede. Die Ausbildung absolvierte ich im „bestem Haus“ am Platze, Anzug und schwarz-weiß in der Kleidung und in den Gedanken waren die Norm. Unsere Abteilung bestand aus 20 Männern, 40-60 Jahre alt und zwei „Lehrlingen“. Eines Tages kam ein neuer Kollege und wurde bei einem Glas Sekt vorgestellt. 

Seine ersten Worte an die Runde waren: Ich heiße Karl-Heinz und bin schwul…..

Stille und betretenes wegsehen waren die Folge. Doch schon nach kurzer Zeit war Karl- Heinz Realität und hatte mit seiner Ehrlichkeit, seinem Mut und seinem Charakter alle Empörung, Verachtung und falscher Moral das Wasser abgegraben. Sein Freund war ein bekannter Schauspieler an unserem Stadttheater und es wurde nie mehr versucht ihn zum Thema zu machen.

Ich ging mit meinen, dann 16 Jahren öfters mit ihm essen oder einfach was trinken. Ich lernte Gespräche zu führen die Substanz und Tiefe hatten, mich für andere zu interessieren und mich geschmeidig in allen Gesellschaftsschichten zu bewegen. Seine Art Liebe war nie ein Gesprächsthema bei uns, da es ja normal und selbstverständlich war. Ich lernte multikulturell zu denken und andere anders sein zu lassen. Deswegen denke ich heute in manchen Situationen: Danke Karl-Heinz!
Ich hätte nie mit 16 Jahren die Biografie von Edith Piaf gelesen, nie die Du Mont Kunstreiseführer der Provence und Toskana und hätte auch nie Verdi gehört. Heute denke ich in diesen Zusammenhängen an ihn.

Er zeigte mir, das Geschmack nichts mit Marke oder Label zu tun hat, sondern mit eigener Persönlichkeit und Stil. 

Er erzählte mir einmal, das Leben auch heißt, es zu fühlen, zu atmen, zu sein und sein zu lassen. Dieser Satz ging mir nie mehr verloren.

Nach zwei Jahren war unser Weg zu Ende und ich habe ihn nie mehr gesehen, trotzdem blieb er eine Lebenserinnerung!