Vaterwaise

Meine Gedanken waren zum Start des Tages bei meinen beiden Jungs ( beide 21 Jahre, eineiige Zwillinge ), deren beiden Plätze am kleinen Esstisch seit zwei Jahren nur noch sporadisch besetzt sind.

Ich wurde am gleichen Tag zweimal „Vaterwaise“ als die beiden ihren Lebensmittelpunkt nach München bzw. Starnberg verlegten, und dort mit Studium und Arbeit ihr eigenes Leben erleben. Es ist das schöne als Zwillingsvater, alles immer gleichzeitig und im Paket, sozusagen doppelt zu fühlen und mitmachen zu dürfen. Nun kam also vor zwei Jahren auch das Abnabeln im Gesamtpaket und ich habe dadurch auch ein neues Leben.

Ich kann mittlerweile entspannt erkennen wie toll sie ihren Weg gehen und welch spannende Menschen sie geworden ist. Hier danke ich dann ab und zu, so in mir ganz leise, ihrer Mutter, denn einen großen Anteil daran hatte sie. Auch wenn wir beide uns getrennt haben, die Kinder standen immer darüber und nie dazwischen und wir waren alle vier ein sehr gutes Team, dass immer miteinander daran arbeitete Familie zu sein, ohne als Familie zu leben.

Ich genieße nun diese Momente mein Leben zu leben und mich im Mittelpunkt zu haben, ohne eben die Mitte sein zu müssen. Ich kann ohne Pathos sagen das ich glücklich bin wie es ist,

Lebensbegegnung 

Es gibt in meinem Alltag ab und zu diese Momente in denen Kleinigkeiten eine Erinnerung auslösen, Erinnerungen an manche Menschen die nur Begegnungen waren und nie zu meinem Leben gehörten. Menschen die aber dennoch etwas hinterlassen haben, bei und in mir.Einer dieser besonderen Begegnungen war Karl-Heinz. Als ich meine Ausbildung begann, gab es noch ein Land das Persien hieß und vom Schah regiert wurde. Ich erzähle das um Euch zu zeigen von welch konservativer, stocksteifer und prinzipieller Zeit ich rede. Die Ausbildung absolvierte ich im „bestem Haus“ am Platze, Anzug und schwarz-weiß in der Kleidung und in den Gedanken waren die Norm. Unsere Abteilung bestand aus 20 Männern, 40-60 Jahre alt und zwei „Lehrlingen“. Eines Tages kam ein neuer Kollege und wurde bei einem Glas Sekt vorgestellt. 

Seine ersten Worte an die Runde waren: Ich heiße Karl-Heinz und bin schwul…..

Stille und betretenes wegsehen waren die Folge. Doch schon nach kurzer Zeit war Karl- Heinz Realität und hatte mit seiner Ehrlichkeit, seinem Mut und seinem Charakter alle Empörung, Verachtung und falscher Moral das Wasser abgegraben. Sein Freund war ein bekannter Schauspieler an unserem Stadttheater und es wurde nie mehr versucht ihn zum Thema zu machen.

Ich ging mit meinen, dann 16 Jahren öfters mit ihm essen oder einfach was trinken. Ich lernte Gespräche zu führen die Substanz und Tiefe hatten, mich für andere zu interessieren und mich geschmeidig in allen Gesellschaftsschichten zu bewegen. Seine Art Liebe war nie ein Gesprächsthema bei uns, da es ja normal und selbstverständlich war. Ich lernte multikulturell zu denken und andere anders sein zu lassen. Deswegen denke ich heute in manchen Situationen: Danke Karl-Heinz!
Ich hätte nie mit 16 Jahren die Biografie von Edith Piaf gelesen, nie die Du Mont Kunstreiseführer der Provence und Toskana und hätte auch nie Verdi gehört. Heute denke ich in diesen Zusammenhängen an ihn.

Er zeigte mir, das Geschmack nichts mit Marke oder Label zu tun hat, sondern mit eigener Persönlichkeit und Stil. 

Er erzählte mir einmal, das Leben auch heißt, es zu fühlen, zu atmen, zu sein und sein zu lassen. Dieser Satz ging mir nie mehr verloren.

Nach zwei Jahren war unser Weg zu Ende und ich habe ihn nie mehr gesehen, trotzdem blieb er eine Lebenserinnerung!